Strategien

Mit der Zeit gehen

Von Alexandra Grossmann · 2015

Der Weg ist noch weit, es ist noch Spielraum für Umweltschutz und Nachhaltigkeit in der Verpackungsbranche. Doch die Zeiten ändern sich, bei vielen Formen findet derzeit ein Umdenken statt. Was früher eher Luxus und eine Reaktion auf Verbraucherwünsche und politische Vorgaben war, wird heute immer mehr zum eigenen Ziel verantwortungsvoller Unternehmen.

Im ruhigen Städtchen Lauterhofen in der Oberpfalz führt Familie Hein seit fast 100 Jahren einen Betrieb, der heute Displays und Verpackungen aus Wellpappe herstellt. Auf seiner Homepage erklärt die Firma, wie sie Ressourcen spart, Material und Maschinen umweltfreundlich einzusetzen versucht und bei der Herstellung ausschließlich alternative Energien nutzt. Hein Verpackungen folgt dem Trend der Branche: Kleine Familienbetriebe wie auch große Global Player richten ihre Aktivitäten verstärkt auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Sie reagieren damit auf die Wünsche von Verbrauchern, die, wie Umfragen belegen, immer stärker auf Verpackungen achten. Eine Online-Studie des Verpackungs- und Display-Herstellers STI Group vom Januar 2015 etwa ermittelte, dass 65 Prozent der über 50-Jährigen nachhaltige Verpackungen den üblichen vorziehen. Frauen hielten das Thema für relevanter als Männer; die Mehrheit der Befragten gaben an, dafür auch einen höheren Preis bezahlen zu wollen. Viele Menschen möchten auch ganz darauf verzichten. Ihre Motivation ist der Wunsch, die Umwelt schützen und die Menge, die sie kaufen wollen, selbst bestimmen zu können.

Abfüllen und herumtragen

Zwei junge Frauen eröffneten im vergangenen September im trendigen Berliner Stadtteil Kreuzberg mit „Original unverpackt“ den ersten Supermarkt, der ganz auf Kunststoffschalen, Folien und Plastiktüten verzichtet. Das Geschäft läuft gut, ist jedoch nach Meinung von Trendforschern und Experten der Verpackungsbranche eine Nischenerscheinung für eine Klientel von Überzeugungstätern. Denn die weitaus meisten Konsumenten greifen zu den verpackten Produkten, nicht nur, weil das eigene Abfüllen und Herumtragen von losen Waren sowohl mühsam ist als auch teurer. Dazu kommt, dass die meisten Verpackungen eben genau abgestimmt sind auf die Notwendigkeit, die das Produkt erfordert, damit es gut geschützt, erhalten und transportiert werden kann, sowohl innerhalb der Handelskette als auch vom Verbraucher selbst. Nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Flüssigkeiten zum Beispiel oder Gase, empfindliche Blumen oder Medikamente lassen sich ohne sie nicht transportieren oder konservieren. So kommt einiges zusammen: 16,6 Millionen Tonnen Verpackungsmüll zählt das Umweltbundesamt in der letzten Erhebung, davon rund 7,3 aus Pappe, Papier oder Karton, 2,8 aus Kunststoffen und 2,8 aus Glas. Um diesen Abfallmengen Herr zu werden, gilt in Deutschland die Verpackungsverordnung, die die abfallwirtschaftliche Verantwortung auf den Hersteller überträgt. Dieser ist verpflichtet, die Verpackungen nach Verwendung zurück zu nehmen und entweder wieder zu verwenden oder verwerten zu lassen. So viele, wie es Verpackungen gibt, sind auch die Verfahren unterschiedlich, von der Gelben Tonne bis zum Pfandsystem. Viele von ihnen haben sich bewährt: Ganze 96,3 Prozent der gesamten in Deutschland angefallenen Verpackungsabfälle wurden wieder verwertet.

Zum Nutzen von allen

Dabei haben Hersteller mittlerweile einen ganzheitlichen Ansatz bei der Entwicklung ihrer Nachhaltigkeits- und Umweltstrategien. Das Supply Chain Management (SCM) berücksichtigt alle Schritte und Einflüsse entlang der gesamten Wertschöpfungskette, die sich über die Grenzen des Unternehmens hinweg erstrecken. Es untersucht alle relevanten ökonomischen, sozialen und ökologischen Interessen etwa von Investoren, Mitarbeitern und Umwelt und schafft einen gemeinsamen Ausgleich für alle. Es soll die finanzielle Stabilität gewährleisten, zugleich aber darauf achten, was durch die Aktivitäten des Unternehmens beeinflusst wird. Ein Beispiel wäre der Blick auf Kinderarbeit bei der Herstellung von Rohstoffen oder auf die Gesundheit von Arbeitern in Fabriken.

Die Ökobilanz ermitteln

Ein Indikator für Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein ist der ökologische Fußabdruck, zu deren Nachweis manche Unternehmen sich verpflichtet haben. Der CO² -Footprint bestimmt die Menge an Kohlenstoffdioxid, das bei der Herstellung eines Produkts freigesetzt wird und somit Schaden am Klima verursacht. Ist der co2-Fußabdruck offen gelegt, kann der Kunde selbst entscheiden, ob er zu einer Verpackung greift oder nicht. Tetra Pak zum Beispiel hat auf seiner Homepage einen CO²-Rechner, der den Wert der wichtigsten Verpackungen anzeigt. Um die Ökobilanz zu ermitteln, betrachtet das Unternehmen Faktoren wie Gewicht und Ressourcenverbrauch, Transport und Entsorgung. Derartige Nachweise sind jedoch bisher die Ausnahme. Dennoch ist Bewegung in der Branche, es wird viel geforscht und ausprobiert. Vielversprechend sind zum Beispiel die biologisch abbaubaren Materialien. Sie werden aus natürlichen Rohstoffen wie Getreide oder Bäumen hergestellt und haben am Ende des Lebenszyklus eine neutrale Ökobilanz, denn die Menge an Kohlendioxid, die sie für ihr Wachstum brauchen, ist ungefähr gleich viel wie die, die sie bei der Kompostierung wieder in die Luft abgeben.

Experimente mit Bioverpackungen

Ein verwendeter Rohstoff für Bioverpackungen ist beispielsweise Stärke, die aus Mais oder Kartoffeln extrahiert wird. Sie dient der Herstellung von Folien, die zu Müllbeuteln und Tüten verarbeitet werden. Sie sind teilweise stabiler als herkömmliche Produkte und vollständig biologisch abbaubar. Auch Becher, die auf Festivals ausgegeben werden, können aus Maisextrakten gemacht werden. Andere bestehen aus Resten von Zuckerrohr, ebenso wie nachhaltige Menüboxen und Wegwerfteller. Ihr Vorteil: Zuckerrohr ist ein Rohstoff, der häufig angebaut wird und sehr preiswert ist. Bisher waren mit Bioverpackungen mangelnde Forschung und hohe Kosten verbunden. Doch mittlerweile rentieren sie sich zunehmend, denn die Besteuerung und Entsorgung umweltschädlicher Verpackungen steigen, zudem werden die Mengen größer und der Preis pro Stück sinkt. Neben der Entwicklung von Bioprodukten stehen Unternehmen der Verpackungsindustrie auch vor der Herausforderung, sich an veränderte Anforderungen anpassen zu müssen. Die Verpackung der Zukunft wird mehr zum Produktschutz eingesetzt werden, Informationen bereit halten und Rechenschaft über die eigene Nachhaltigkeit geben müssen. Wollen sie nicht den Anschluss verlieren, müssen sich verpackende Unternehmen den neuen Anforderungen der Umwelt und der Gesellschaft stellen.